Geheimwaffe oder Opfer des Kalten Krieges? Politische Emigration aus Mittel- und Osteuropa

Zwischen dem 13. und dem 15. November 2008 fand in Lublin eine internationale Konferenz unter dem Titel: „Geheimwaffe oder Opfer des Kalten Krieges? Politische Emigration aus Mittel- und Osteuropa“ statt, die vom Institut des Nationalen Gedenkens (Instytut Pamięci Narodowej), dem Institut für Politische Studien der Polnischen Akademie der Wissenschaften (Instytut Studiów Politycznych Polskiej Akademii Nauk) und vom Deutschen Historischen Institut Warschau veranstaltet wurde. Außerdem an den Vorbereitungen beteiligt waren das Institut für die Erforschung Totalitärer Regime aus Prag (Ústav pro studium totalitních režimů), das Institut für das Gedenken der Nation aus Bratislava (Ústav pamiäti národa)  und die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. 

Am ersten Tag der Veranstaltung wurden insgesamt vier Sektionen mit insgesamt 13 Referaten abgehalten. Im ersten Panel sprachen: Prof. Dr. Michal Šmigel‘ aus der Matej-BelUnviversität Ban’ska Bystrica/Slowakei über „Repatriierung oder Deportation. Die sowjetische Repatriierungsaktion in der Slowakei in den Jahren 1945-1948″, der ausgiebig die Maß-
nahmen des NKWD darstellte, die gegenüber von sowjetischen Bürgern in der Slowakei angewandt wurden, um sie zur Rückkehr in die Sowjetunion zu bewegen, sowie die Repressalien darstellte, die sie in ihrer kommunistischen Heimat erwarteten. Dr. Iryna Kashtalian von der Staatlichen Universität in Minsk/Weißrussland sprach über den „Einfluss der sowjetischen Sicherheitsdienste auf die Emigrationsprozesse während des Bevölkerungsaustausches 
zwischen Polen und der Weißrussischen Sozialistischen Sowjetrepublik (WSSR) in den Jahren 1944-1946″. Sie erörterte die Methoden der Einflussnahme durch den NKWD auf die 
weißrussische Opposition sowie die Mittel, mit denen deren Mitglieder zur Auswanderung 
ins Ausland gezwungen wurden. Das Panel wurde von Dr. Janusz Wróbel vom IPN  Łódź
moderiert. 

Die zweite Sektion behandelte die politische Emigration aus Ungarn und wurde von Dr. Krzysztof Persak vom IPN Warschau geleitet. Dr. Magdolna Baráth aus dem Historischen Archiv der Ungarischen Staatssicherheit sprach zum Thema „Vernichtung und/oder Unterstützung. Die Haltung des ungarischen Sicherheitsapparates gegenüber der Emigration“. Sie rekonstruierte den institutionellen Aufbau der Abteilungen der ungarischen Staatssicherheit, 
die sich mit der ungarischen Emigration befassten, sowie deren Vorgehensweise gegenüber den ungarischen Flüchtlingen. Außerdem befasste sie sich mit den Initiativen derjenigen Organisationen, die von der ungarischen Regierung mit dem Zweck der Spaltung und Zerschlagung der Emigration geschaffen wurden, wie die Ungarische Weltföderation oder das Flüchtlingsdepartment beim Ungarischen Außenministerium. 

Als nächster referierte Dr. Ferenc Cseresnyés, Dozent am Lehrstuhl für Politikwissenschaft der Rechtswissenschaft-lichen Fakultät der Universität in Pécs/Ungarn zur Frage: „Warum gab es Rückkehrer? Die ungarischen Rückkehrer aus Westeuropa“. Er zeigte auf, wie die 200 000 Flüchtlinge nach den blutigen Ereignissen 1956 zum Spielball der westlichen (vor allem österreichischen), aber auch der östlichen Staatssicherheitsapparate im politischen Kampf zwischen der kapitalistischen und der kommunistischen Welt im Schatten des Kalten Krieges wurden. Im Weiteren stellte 2er den institutionellen Druck auf die ungarischen Flüchtlinge seitens der ungarischen Regierung, der Botschaften und Missionen, der verdeckt operierenden Agenten und auch westliche Kommunisten dar, sie zur Rückkehr nach Ungarn zu animieren. Dr. Christopher Adam von der Universität in Carleton/Kanada schilderte den „Konflikt  der ungarischen Exilpresse in 

Kanada und der politischen Emigration mit Ungarn in den Jahren 1956-1989″. Als letztes sprach András Tamás Fejérdy vom Historischen Institut der Ungarischen Akademie der Wissenschaften über „Die ,Staatenlosen‘. Das ungarische katholische Exil, das ungarische kommunistische Regime und die Anfänge der vatikanischen ,Ostpolitik‘. Er legte die Methoden der Einflussnahme auf die katholische ungarische Emigration in Rom und deren Desintegration durch die Organe der ungarischen Staatssicherheit offen,  die sie aufgrund ihrer Nähe 
zum Vatikan lange Zeit für die einflussreichste und gefährlichste Oppositionskraft im Ausland für die Regierung in Budapest hielten und aktiv bekämpften. 



Das dritte Panel des Tages, moderiert von  Dr. Vasil Paraskevov von der KonstantinPreslavsky-Universität in Schumen/Bulgarien handelte über  die Probleme der politischen Migration aus Süd-Osteuropa. Im ersten Referat sprach Vanya Petkova aus dem Bulgarischen Bund zur Erforschung der Militärgeschichte über die Rolle des bulgarischen Sicherheitsapparates in der Politik des kommunistischen Regimes gegenüber dem politischen Exil. Sie zeigte mit welchen Mitteln und mit welcher ungeheuren Brutalität die bulgarische Staatssicherheit, unterstützt durch den KGB, ihre politischen Feinde in den Reihen der Emigration im Westen bekämpfte. Sie unterstrich die Rolle der Verordnung B-15 des bulgarischen Politbüros der kommunistischen Partei, die sich unmittelbar gegen die ,feindliche politische Emigration‘ wandte. Das Thema wurde noch weiter durch Chris Kostov von der Universität in Ottawa/Kanada vertieft, der zum Thema: „Der bulgarische Sicherheitsapparat und seine an den politischen Emigranten verübten Verbrechen“ vortrug. Als nächster besprach Prof. Dr. 
John Schindler aus Newport/USA das Thema „Die ,schwarzen Aktionen‘: die jugoslawische Spionage, der Staatsterrorismus und das ,feindliche Exil‘ in den Jahren 1945-1990″. 

Als letzter referierte Dr. Petre Opriş aus Bukarest/Rumänien über „Die Führer der rumänischen kommunistischen Partei und ihr Verhältnis  zum Exil der rumänischen Juden (1955-1967). Anhand einer vor kurzem in den rumänischen Archiven entdeckten Notiz aus der Sitzung des Politbüros des Zentralkomitees der Rumänischen Arbeiterpartei vom 8. Januar 1955 rekonstruierte er den Konflikt unter den führenden Kommunisten in Bezug auf die Ausreisegenehmigungen für die in Rumänien noch lebenden Juden.  


Das letzte Panel des Tages konzentrierte sich auf die Probleme der politischen Emigration aus der Tschechoslowakei. Im ersten Referat verglichen Dr. Jiří Friedl vom Geschichtsinstitut der Tschechischen Akademie der Wissenschaften und Prof. Dr. Zdeněk Jirásek aus Prag das polnische und tschechoslowakische anti- kommunistische Exil nach dem Zweiten Weltkrieg. Jan Raška von der Universität in Waterloo/Kanada sprach zum Thema: „Die Geburt einer Proteststimme: tschechische Emigranten, kommunistische Spione und der kanadische 
Sicherheitsapparat 1945-1968″. Als letzte referierte Dr. Matej Medvecký vom Institut für das Gedenken der Nation aus Bratislava/Slowakei über den „Sicherheitsdienst im Kampf gegen das ,slowakische separatistische Exil'“. Das Panel wurde von Dr. Prokop Tomek aus Prag moderiert. 

Die erste Sektion am zweiten Konferenztag war der Spionageaktivität der polnischen Staatssicherheit gegenüber der polnischen Emigration  gewidmet. Im ersten Referat besprach Dr. Patryk Pleskot die Spionageaktivität des polnischen Exils in den Augen des Ministeriums für öffentliche Sicherheit in den Jahren 1945-1954. Der Referent wies nach, dass jedes größere Emigrationszentrum in den westlichen Staaten in Augen des polnischen Nachrichtendienstes 
beim Ministerium für die Öffentliche Staatssicherheit als ein potenzielles und/oder reales 3 Spionagenest angesehen wurde, das es zu durchleuchten und aktiv zu bekämpfen galt. Der Beitrag wurde durch Dr. Sławomir Łukasiewicz vom IPN Lublin ergänzt, der über die Strukturen und die Arbeitsmethoden des Nachrichtendienstes der Volksrepublik Polen im Kampf gegen das politische Exil referierte. Dr. Paweł Ziętara von der Universität Warschau besprach die „Mobilisierung der Strukturen des kommunistischen Staates für den Kampf gegen den Gegner im Exil am Beispiel von. General Władysław Anders. Er zeigte, wie die polnische Staatssicherheit die „schwarze Legende“ über General Anders sehr erfolgreich sowohl im kommunistischen Polen als auch im Westen verbreitete und lange Jahre mit immer neueren Informationen nährte. Das Panel beschloss Witold Bagieński vom Historischen Institut der Polnischen Akademie der Wissenschaften, der zum Thema referierte: „Die Wirksamkeit der Zivilspionage der VRP gegenüber dem Provisorischen Rat für Nationale Einheit in den Jahren 1954-1966. 

In der zweiten Sektion, die von Prof. Dr. Rafał Habielski von der Universität Warschau moderiert wurde, sprach Dr. Adam F. Baran über den Verband der Polnischen Pfadfinder im Exil als Basis für ,feindliche Elemente‘ in Polen 1945-1957. Aleksander Kozicki aus Danzig hielt einen Vortrag über die Wirksamkeit der Sicherheitsorgane der Volksrepublik Polen in Bezug auf das weißrussische politische Exil 1945-1956, in dem er die Operationsspiele der 
polnischen Staatssicherheit in Rahmen der  Aktionen ,Dywersant‘ und ,Centro‘ gegenüber den in Polen lebenden weißrussischen Emigranten rekonstruierte. Am Beispiel von ausgewählten V-Männern (Mikołaj Zdanowicz, Wiktor Janusz, Kazimierz Wlazło) zeigte er auch die Methoden der Rekrutierung von Zuträgern im Umfeld der Emigration, sowie ihre Verwendung zur ihrer Bekämpfung auf. Dr. Dariusz Węgrzyn vom IPN Kattowitz referierte als nächster zum Thema „Die Sonderaktion ,Die Totenfeier‘: Das operative Spiel der oberschlesischen Strukturen der Staatssicherheit mit dem Verfügungszentrum der Polnischen 

Organisation in Regensburg“. Zum Schluss charakterisierte Sebastian Rosenbaum vom IPN Kattowitz die Vorgehensweise der Staatssicherheit in der Wojewodschaft Kattowitz gegenüber der Emigration der Oberschlesier in die BRD in den 1970er Jahren.  Die Dritte Sektion wurde von Prof. Dr. Klaus Ziemer von der Universität Trier moderiert. Im ersten Referat besprach Dr. Arnold Kłonczyński von der Universität in Danzig die Einstellung Polens gegenüber dem polnischen Exil in Schweden in den Jahren 1945-1968. Er zeigte, mit welchen Mittel Warschau versuchte die politischen Aktivisten in der Emigrationsszene in Schweden zu diskreditieren und deren Initiativen bei der Herausgabe von polnischsprachigen 

Veröffentlichungen und im Bereich der Bildung zu unterbinden. Dr. Krzysztof Okoński von der Universität in Bydgoszcz sprach zum Thema: „Die Repressivität der Epoche Honeckers und die literarische Emigration aus der DDR in die BRD. Reaktionen und Verlagsinitiativen im polnischen ,zweiten Umlauf'“.  Als letzter besprach Dr. Tobias Wunschik aus Berlin über die innerdeutsche West-Ost-Migration und die Überwachung der Übersiedler durch die Staatssicherheit und die Volkspolizei. 

Die erste Sektion des dritten Konferenztages war der Überwachung und Verfolgung der politischen Emigration aus den baltischen Staaten gewidmet. Das erste Referat von Cecilia Notini von der Universität in Stockholm/Schweden behandelte die schwedischen Reaktionen auf die sowjetische Verfolgung der politischen Flüchtlinge 1945-1960. Danach besprach Meelis Saueauk von der Universität in Tartau/Estland die Methoden des sowjetischen Sicherheitsapparates im Kampf gegen die estnischen Emigranten. Prof. Dr. Ieva Zake von der RowanUniversität in New Jersey/USA trug zum Thema vor: „Die lettische Gesellschaft für Kontakte und Kulturelle Beziehungen mit den Letten im Ausland“. Als letzte sprach Kristina Burinskaitė vom litauischen Zentrum zur Erforschung des Genozides und des Widerstandes 4 über die Verwendung „aktiver Methoden“ durch den KGB bei der Bekämpfung der litauischen Emigration.  

Die zweite Sektion widmete sich dem Radio Freies Europa als einem besonderen Schlachtfeld zwischen den Geheimdiensten aus Ost und West. Die amerikanische Perspektive auf die Entstehung, Bedeutung und Vorgehensweise des  Radiosenders mit seinen mehrsprachigen Beiträgen für die kommunistische Zone eröffnete Dr. A. Ross Johnson. Die Genese, Probleme mit der Erreichung der polnischen Bevölkerung und Wirkung der  polnischsprachigen 
Sektion des Radio Freies Europa charakterisierte Prof. Dr. Paweł Machcewicz von der Universität Thorn. Dr. Prokop Tomek aus Prag schilderte den Kampf der tschechoslowakischen Staatssicherheit mit der „feindlichen Propaganda“ der tschechischen Sektion des Radiosenders. Die letzte Sektion, moderiert von Dr. Władysław Bułhak vom IPN Warschau, nahm die westliche Perspektive auf die Probleme der politischen Migration aus Mittel- und Osteuropa ein. 
Im ersten Referat schilderte Prof. Dr. Lubomyr Luciuk aus Kanada die angloamerikanische Sicht auf das Problem der ukrainischen Emigration in den Jahren 1938-1955. Prof. Dr. Marek Kornat aus der Kardinal-Stefan-Wyszyński-Universität Warschau sprach über die Einstellung des Kongresses der Kulturfreiheit gegenüber der intellektuellen Emigration aus Ostmitteleuropa im Westen in den Jahren 1950-1976. Er zeigte, auf welche Weise führende Intellektuelle aus Westeuropa und Amerika mit Hilfe des Kongresses versuchten, der ideologischen Offensive der kommunistischen Linken zu begegnen. Dr. Anna Mazurkiewicz von der Universität Danzig sprach zum Thema „Der nicht offene Eingriff der Regierung in den freien Meinungsaustausch“ – die Versammlung der Unterjochten Völker Europas in der Politik der USA im Kalten Krieg“, in dem sie die Rolle dieser von der CIA finanzierten Organisation im Bezug auf die Bildung der öffentlichen Meinung im Westen gegenüber der Sowjetunion und deren 
Rolle bei der Unterjochung von Staaten Mittel- und Osteuropas rekonstruierte. 

Die Konferenz wurde durch eine Podiumsdiskussion abgeschlossen, die von Dr. Rafał Wnuk vom IPN Lublin moderiert wurde und an der  sich Prof. Dr. Manfred Wilke (Deutschland), Dr. Thomas Wegener Friis (Dänemark), Prof. Dr. Idesbald Goddeeris  (Belgien), Dr. José Faraldo (Spanien) und Aniko Macher (Frankreich) beteiligten.   Jacek A. Młynarczyk, DHI Warsch
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