Rory Gallagher

Gallagher, Rory (g, voc, harm, as), am 2. März 1949 in Ballyshannon, Co. Donegal, Irland, geboren und in der irischen Stadt Cork aufgewachsen, belegte 1972 den ersten Gitarrenplatz im „Melody Maker“-Poll. Auf einer Spielzeuggitarre aus Plastik lernte er die ersten Griffe; mit neun verfügte er über ein richtiges Instrument; mit 15 war er Profi. Technik und Routine erwarb er sich zweieinhalb Jahre lang bei der Fontana Showband, die sich später The Impact nannte, auf Tourneen durch Irland, England, Spanien und die Militärbasen in Westdeutschland.



Ein erstes Trio namens The Taste, das der Chuck Berry- und Muddy Waters-Fan 1966 mit Impact-Kollegen gründete, rockte unter anderem im Hamburger Star-Club, ging aber nach zwei finanziell kargen Jahren wieder auseinander. Der zweite Taste-Versuch mit den aus Belfast, Irland, stammenden Musikern Richard McCracken (bg), John Wilson (dr) klappte. Mit ihnen und ein paar 30-Watt-Verstärkern wurde Gallagher von 1968 an zum „Popstar einer neuen Art, einem Anti-Helden im verwaschenen Kaufhaushemd, der eine acht Jahre alte Gitarre traktierte und sich inmitten der Drogenszene lieber an ein Bierglas hielt“ („The Times“). Die Attraktion lag in Gallaghers ungeheuer dynamischer Bluesmusik: „Humor würzt das Unternehmen. Lyrismen werden vom Trommler zerballert. Dramatische Steigerungen lösten sich ins ironische Nichts auf. Aus straffen Breaks werden manchmal privat vor sich hingezupfte Kadenzen“ („Die Welt“).


Mit wachsender Virtuosität und steigenden Gagen beanspruchte Gallagher zunehmend allen Ruhm. Er sonderte sich von seinen Kollegen ab und behandelte sie wie Untergebene. John Wilson: „Er gerierte sich wie ein Superstar, es war schrecklich. Manchmal benahm er sich auf der Bühne, als ob wir gar nicht existierten: drei Solonummern hintereinander. Bei anderen Gelegenheiten begann er ein zwölftaktiges Stück und improvisierte dann nur über neun Takte; nur um uns zu verwirren.“ 1970 löste Gallagher Taste auf (McCracken und Wilson arbeiteten im Trio Stud weiter) und ging endgültig auf den Egotrip. Sein neues Ensemble mit Gary McAvoy (bg) und Wilgar Campbell (dr), im Februar 1971 vorgestellt, firmierte nur noch unter dem Namen Rory Gallagher. Es war eine One-Man-Show mit Rhythmusbegleitung, jedoch eine der besten der frühen siebziger Jahre. „Mit kleinen Schritten trippelte er von einer Bühnenecke zur anderen“, berichtete Ernst Hofacker, „hüpfte wie ein Rumpelstilzchen vor dem Drumpodest umher und war überhaupt beständig in Bewegung. Sein Spiel war rustikal, voller Energie, vorwärtsdrängend, gleichsam ein Tsunami aus Tönen. Mit jedem Riff, mit jedem Lick war Rory darauf aus, die Party im Saal zu befeuern.“


Gallagher, der im Herbst 1972 mit den Begleitmusikern Rod de Ath (dr), Gary McAvoy (bg), Lou Martin (p) in vier Monaten die längste USA-Tournee der bis dahin geschriebenen Rockgeschichte hinter sich brachte und seine Irish Tour ’74 in der gleichen Besetzung für ein Live-Doppelalbum mitschneiden ließ, hoffte 1975, dass die Show ad infinitum weitergeht: „Ich will immer noch auf der Bühne stehen, wenn ich einmal 40 oder 50 bin, und das Publikum zufriedenstellen können. Ich habe den größten Respekt vor Leuten wie Muddy Waters, die bleiben und sich immer noch weiterentwickeln.“ Mit seinen LPs – herausragend Calling Card (1976), Photo-Finish (1978), Jinx (1982) und Defender (1987) – gab er sich alle Mühe, diesem Standard gerecht zu werden: Mehr und mehr konzentrierte er sich auf selbst geschriebenes Material. Zu seinem Image als „Antistar“ (Gallagher) gehörte es, dass er nach seinen schweißtreibenden Gigs mit seinen Fans oft bis zum Morgengrauen Guinness konsumierte. Er war ein Purist, der die Pyrotechnik, die Maskeraden der Pop-Industrie verachtete und von dieser folgerichtig zunehmend vernachlässigt wurde.


Seine späten Werke kamen bei der kleinen Firma Intercord in Stuttgart heraus – darunter sein schon 1992 erschienenes Vermächtnisalbum Edged In Blue. Als wolle er die Quintessenz seiner Anwesenheit auf diesem Planeten dokumentieren, stellte er dafür die besten eigenen Aufnahmen seiner Wahl zusammen: Blues de luxe. Sein regelmäßiger Alkoholkonsum bereitete ihm in den folgenden Jahren zunehmend gesundheitliche Probleme. Im Frühsommer 1995 musste er sich einer Lebertransplantation unterziehen, die Komplikationen nach sich zog. Am 14. Juni 1995 erlag er einer Entzündung der Atemwege in einem Londoner Krankenhaus. Noch im gleichen Jahr wurde im Pariser Vorort Ris Orangis die Rue Rory Gallagher nach ihm benannt. 2000 begann sein Bruder Donal Gallagher, alle LPs mit zum Teil unveröffentlichten Bonus-Tracks auf CD wiederzuveröffentlichen. 2002 brachte die irische Post eine Briefmarke mit dem Konterfei des Gitarristen heraus.

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