Japan am Rande des Super-GAU

Verzweifelt kämpfen Techniker und Behörden im japanischen Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi gegen den drohenden Super-GAU. Am Abend wurde am Haupttor des AKW eine erhöhte Radioaktivität von 3130 Mikrosievert gemessen – doppelt so viel wie der zuvor gemessene Höchstwert.

(dp) In drei der vier gefährdeten japanischen Reaktoren ist eine Kernschmelze mittlerweile «höchst wahrscheinlich», wie ein Regierungssprecher am Montag sagte. Die Lage im Reaktor 2 des AKW Fukushima-Daiichi ist dabei nach Ansicht des Betreibers Tepco schlimmer als in den Reaktoren 1 und 3. Die Brennstäbe im Reaktor waren am Montag erneut frei gelegen.
Am späten Abend (Ortszeit) wurde am Haupttor des AKW eine erhöhte Radioaktivität von 3130 Mikrosievert gemessen, wie die Agentur Kyodo weiter meldete – dies sei doppelt so hoch wie der zuvor gemessene Höchstwert.

Bitte um Hilfe

Japan hat die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) angesichts der derzeitigen Nuklearkrise offiziell um die Entsendung eines Expertenteams gebeten. Auch die amerikanischen Atomregulierungsbehörde wurde um Hilfe bei der Kühlung der Brennstäbe gebeten.

Äussere Schutzhülle in Gefahr

Die Behörden schliessen mittlerweile auch nicht mehr aus, dass der Uran-Kern die äussere Schutzhülle des Reaktorblocks durch schmilzt und eine grosse Menge Radioaktivität austritt. «Es sich unmöglich zu sagen, ob das passiert ist oder nicht», erklärte Naoki Kumagai von der japanischen Atombehörde.

Einmaliger Vorgang

Die Kühlung des Reaktors 2 brach mehrfach zusammen – jedes Mal gelang es Technikern aber, wieder Meerwasser in die Kammern mit den vier Meter hohen Brennstäben zu pumpen. Eine Kühlung mit Meerwasser ist in der Geschichte der Atomtechnik ein bisher einmaliger Vorgang.
Zuvor hatte es um 11 Uhr Ortszeit eine zweite Wasserstoffexplosion gegeben: Diesmal war Reaktorblock 3 betroffen. Sieben Arbeiter wurden verletzt und fünf verstrahlt, wie Kyodo berichtete. Nach einem heftigen Nachbeben und einer neuen Tsunami-Warnung wurde das Unglücks-Atomkraftwerk in Fukushima dann von einer zweiten Wasserstoffexplosion – erneut in Reaktor 3 – erschüttert. Die Betonhülle des Gebäudes wurde beschädigt. Nach Angaben von Tepco blieb der Kernmantel um den Reaktor jedoch intakt.
Wissenschafter sprachen von einer ernsthaften Gefahr, gingen aber nicht davon aus, dass sich eine Katastrophe wie in Tschernobyl 1986 ereigne. So habe der ukrainische Reaktor keine Sicherheitshülle gehabt. Die Wahrscheinlichkeit, dass es wie in Tschernobyl zu einem grossen Feuer komme oder eine grosse Menge Radioaktivität freigesetzt werde, halte er prinzipiell für unmöglich, sagte der Professor für Atomenergie an der Universität von Illinois, James F. Stubbins.

Stromabschaltung abgesagt

Wegen leicht erhöhter Strahlenbelastung durch die Dampfwolke der Explosion verlegten die amerikanischen Streitkräfte Schiffe und Flugzeuge ihrer vor Japan liegenden 7. Flotte weg von dem Kraftwerkskomplex.
Die japanische Regierung sagte eine für Montag geplante dreistündige Stromabschaltung in Tokio und anderen Städten ab. Regierungssprecher Edano rief alle Bürger stattdessen zum Energiesparen auf. Sollte das nicht reichen, werde die angekündigte Stromrationierung in acht Präfekturen doch noch umgesetzt.

Särge werden knapp

Nach dem schwersten jemals gemessenen Erdbeben in Japan und dem folgenden Tsunami vom Freitag wird das Ausmass der Katastrophe immer deutlicher. Weit mehr als 10’000 Personen kamen laut bisherigen Schätzungen ums Leben. Doch stündlich werden weitere Leichen gefunden.
Bergungstrupps kämpften sich in den vom Beben der Stärke 9,0 und dem folgenden Tsunami verwüsteten Orten an der Nordostküste mit Kettensägen und Spitzhacken durch Trümmer vor. Oft fanden sie nur noch Tote. An den Stränden der Region Miyagi wurden bei Inspektionsflügen weitere 1000 angeschwemmte Leichen entdeckt. Es wird befürchtet, dass weit mehr als 10’000 Menschen bei der Doppelkatastrophe ums Leben kamen.
«Die Menschen überleben mit nur wenig Lebensmitteln und Wasser», sagte ein Beamter der Präfektur Iwata, eine der drei am härtesten getroffenen. «Wir haben die Regierung um Hilfe gebeten, aber die Regierung ist vom Ausmass der Schäden und der enormen Nachfrage nach Lebensmitteln und Wasser überwältigt», sagte der Beamte Hajime Sato. «Wir bekommen nur zehn Prozent von dem, was wir erbeten haben. Wir sind aber geduldig, weil alle im Bebengebiet leiden.» Zu den knappen Gütern gehörten auch Leichensäcke und Särge, sagte Sato.

Neue Zürcher Zeitung

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