Rassismus bleibt Rassismus


Thilo Sarrazin hat heute in Berlin offiziell seinen Fantasy-Roman vorgestellt. Nach Vorabdrucke im SPIEGEL und der BILD  diskutiert Deutschland bereits seit Tagen über jüdische Gene, vererbte Dummheit und Rassismus. Natürlich meldet sich auch Methusalem Frank Schirrmacher zu Wort  , Herausgeber der FAZ – und vermag seine Begeisterung für Thilo Sarrazin kaum zu verbergen. Schirrmacher schwadroniert über eine Neudefinition unserer Kultur, die intellektuellen Fähigkeiten Sarrazins und vergisst dabei den entscheidenden Punkt: Rasissmus bleibt Rassismus. Kameldung bleibt Kameldung. Auch wenn man es in Gold verpackt. Eine Replik.
Schon im ersten Absatz Schirrmachers fällt es schwer, ruhig und sachlich zu bleiben – fabuliert der FAZ-Herausgeber doch von der oft zitierten schweigenden Mehrheit: «Die Zahl der Menschen, die ihm hinter vorgehaltener oder nicht vorgehaltener Hand recht geben, ist beträchtlich.» Die so genannte schweigende Mehrheit musste schon oft für Tabubrecher herhalten, eine andere Form ist der berühmte Satz, «man wird es doch wohl mal sagen dürfen». Dass die schweigende Mehrheit fast ausschließlich von Rechtspopulisten und illustren Gestalten wie NPD-Mitgliedern genutzt wird, wird natürlich verschwiegen.
Der großartige Volker Pispers hat einmal zur schweigenden Mehrheit gesagt: «Die schweigende Mehrheit schweigt, egal was passiert. Ob in der Nachbarwohnung ein Kind misshandelt und totgeschlagen wird oder ob auf der Straße organisierte Verbrecherbanden jagt machen auf alle, die in ihren Augen anders oder abartig sind oder ob in der Straßenbahn eine wehrlose Oma von einer skrupellosen nachwuchskriminellen Bande bedroht und ausgeraubt wird. Ihr Lebensmotto: Weggucken, abducken und ja nicht aufmucken. Die einzigen Lebenszeichen, die es von dieser Spezies gibt, sind anonyme Anrufe zwecks Denunziation missliebiger Mitmenschen oder Strafanzeige von Unbekannt. Die schweigende Mehrheit besteht also vor allem aus Feiglingen, Duckmäusern und Mitläufern.» Damit ist eigentlich alles gesagt. Mit der schweigenden Mehrheit Thilo Sarrazin verteidigen oder gar politische Entscheidungen zu begründen ist in meinen Augen verwerflich und es erübrigt sich fast jegliche ernsthafte Diskussion.
Frank Schirrmacher wäre nicht Frank Schirrmacher, wenn er nicht maßlos übertreiben würde, das Problem sei nicht Sarrazin, sondern Deutschland, ja unsere gesamte Gesellschaft, Sarrazin sei nur unser aller Ghostwriter. Unter dem macht es ein Frank Schirrmacher nicht. Es ist unbestritten, dass Deutschland Probleme hat, was die Integration betrifft. Doch trifft dies ebenso auf die Umwelt– und Gesundheitspolitik zu, ja auf jedes politische und gesellschaftliche Feld. Das ist auch völlig normal, wir leben in einer Gesellschaft, die sich täglich fortentwickelt, in der es täglich neue Erkenntnisse zu gewinnen gibt – wer wie Schirrmacher nun die Probleme der Integration und die Herangehensweise des Thilo Sarrazin als «Neudefinition von Kultur» bezeichnet, verkennt unsere Gesellschaft, unsere Entwicklung und stellt sich mit Sarrazin auf eine Stufe.
Grotesk wird der Artikel Schirrmachers, wenn er Sarrazins Meinung zu Fakten deklariert. Während der SPIEGEL und die BILD Sarrazins Buch als Meinungsbeitrag verklären, legt Schirrmacher noch eine Schippe drauf und spricht von völlig korrekten Fakten. Selbstverständlich belegt Schirrmacher diese Fakten nicht – wie sollte er auch. Er kann es nicht. Es gibt mittlerweile genügend Artikel, die die so genannten Fakten des Herrn Sarrazin widersprechen.1 [3]2 [4]3 [5] Weder ist der «weiße Mann» intelligenter als der «schwarze Mann», noch sind seine Berechnungen zur demografischen Entwicklung serös. Dies gibt Thilo Sarrazin im Buch selbst zu: «Es gibt keine wissenschaftlich zuverlässige Methode, Geburtenverhalten und Zuwanderung über mehrere Jahrzehnte verlässlich vorherzusagen.» Dumm nur, dass auf seine selbst ausgedachten Zahlen sein gesamtes Buch aufbaut. Es verwundert nicht, dass er mit seiner Schwarzmalerei in Methusalem Frank Schirrmacher einen dankbaren Abnehmer findet.
Bizarr wird der Artikel Schirrmachers, wenn er versucht, die Erbgut-These Sarrazins zu verteidigen. Es ist kein Zufall, dass entscheidende Begriffe, Namen und Quellen im Register nicht auftauchen, obwohl sie sich in den Fußnoten oder über Verweise rekonstruieren lassen. Das ist kein Versehen. […] In den Worten von Irving Fisher aus dem Jahre 1912, der zu den Befürwortern der neuen Einwanderungsgesetzgebung in Amerika zählte: eine Einwanderungsdebatte ist immer die Chance einer eugenischen Debatte. Sarrazin spricht, wenn er von Kultur redet, nicht vom Erbe, sondern vom Erbgut, und auch das ist Bestandteil demokratischer Diskurse vor exakt hundert Jahren.
Mal abgesehen davon, dass gerade Deutschland es besser wissen sollte – wie kann ein intelligenter Mensch wie Frank Schirrmacher einen Thilo Sarrazin verteidigen, mit dem Argument, politischer und wissenschaftlicher Diskussionen Anfang des 20. Jahrhunderts? Wir leben 100 Jahre später, im 21. Jahrhundert, haben neue Erkenntnisse gewonnen, gewinnen täglich neue hinzu. Wer sich auf Irving Fisher bezieht, zeigt in welcher Zeit er intellektuell stehen geblieben ist – zudem sollte angemerkt werden, dass Fisher nicht gerade für seine Einwanderungs– und Eugenikdebatte berühmt geworden ist, sondern für seine Preis– und Kapitaltheorie.
An dieser Stelle wird am deutlichsten, wie Menschen wie Sarrazin und Schirrmacher gesellschaftlich denken. Sie beziehen sich ausdrücklich auf einen Mathematiker, einem Neoklassiker. Der Mensch hat zu funktionieren, ist Kostenfaktor, hat zu produzieren. Der Mensch, mit all seinen Schwächen, darf nicht mehr Mensch sein. Im 21. Jahrhundert sollte anders über Menschen gesprochen werden. Der Mensch ist kein Kostenfaktor, man darf den Menschen nicht nach seiner Produktivität beurteilen. Das unterscheidet uns heute von Tieren. Ein Mensch ist ein Mensch – mit all seinen Stärken und Schwächen, egal ob Schwarz oder Weiß, Katholik oder Muslim.
Natürlich hat Schirrmacher auch etwas zu kritisieren – doch ist diese Kritik eher nebensächlich, er hätte sie auch in Fußnoten fassen könne. Wer er davon spricht, dass Sarrazin dem Begriff «eugenische Demographie» ins Sachregister hätte aufnehmen sollen, anstatt ihn «verschämt als Adjektiv im Strom der Gedanken untergehen zu lassen», dann ist das ein Nebenkriegsschauplatz um auch etwas kritisches sagen zu wollen. Die Intention ist klar: er will sich nicht vorwerfen lassen, dass er Sarrazins Buch ohne Wenn und Aber beklatscht und empfohlen hat. Der Versuch ist dermaßen durchschaubar, dass spätestens hier klar wird, dass Thilo Sarrazin und Frank Schirrmacher offenbar «Brüder im Geiste» sind.
Schirrmacher kommt zu dem Schluss, dass Sarrazin selbstverständlich kein Rassist sei, «da er sich auf die große Einwanderungs– und Intelligenzdebatte, die vor fast genau hundert Jahren in den Vereinigten Staaten stattfand.» Das ist schon sehr bemerkenswert, wie offen hier zugegeben wird, dass Schirrmacher und Sarrazin sich gedanklich in einem anderen Jahrhundert befinden, nicht auf der Höhe der Zeit. In den letzten 100 Jahren hat unsere Gesellschaft unzählige Erkenntnisse gewonnen, was die Integration betrifft. Doch nicht nur das: beispielsweise hat sich auch die Gesundheitspolitik entwickelt. Niemand würde heute mehr auf die Idee kommen, eine Gesundheitsreform auf eine Debatte der USA aus dem letzten Jahrhundert aufzubauen. Dass Sarrazin und Schirrmacher diese Argumentationslinie fahren, zeigt wie geschichtsvergessen sie sind und wie sehr sie im vergangenen Jahrhundert verhaftet sind. Ein moderner Staat ist mit den beiden Herren nicht zu machen.
Schirrmacher schreibt abschließend: «Es stimmt nicht, dass, wie Frau Merkel meint, Sarrazins Buch nicht „hilfreich“ ist. Es ist sehr hilfreich und wird einen Wendepunkt markieren. Es ist hilfreich, um wirklich zu verstehen, was auf dem Spiel steht.» Das halte ich für ein schweres Gerücht. Wenn Sarrazin seine kruden Thesen mit aktuellen wissenschaftlichen Fakten unterlegt hätte, wenn er nicht Religionen und Rassen vermischen würde, wenn er nicht diese panische Angst vor der Überfremdung durch Muslime verbreiten würde, dann wäre das Buch zumindest ein Diskussionsansatz. So muss man aber Frank Schirrmacher und Thilo Sarrazin ins Gästebuch schreiben:
Rassismus bleibt Rassismus.
Kameldung bleibt Kameldung.
Auch wenn man es in Gold verpackt.

Update: Man könnte meinen, Schirrmacher hat sich die Kritik hier und an anderen Orten zu Herzen genommen. Er hat einen zweiten Artikel veröffentlicht, bei dem er den Quatsch von «Fakten» und «Neudefinition der Kultur» beiseite lässt und den Biologismus des Herrn Sarrazin zerlegt [6]. Das hätte ich mir schon im ersten Artikel gewünscht. Ich bleibe dabei: vom ersten Artikel, der in der FAS veröffentlicht wurde – und damit am Sonntag an den Frühstückstischen gelesen wurde – bleibt vor Allem der Gedanke hängen, eigentlich hat Sarrazin ja recht. Nichtsdestotrotz ist es natürlich sehr gut, dass Schirrmacher noch einmal klarstellt, dass Sarrazin die Menschen täuscht und den falschen Weg gegangen ist:
Thilo Sarrazin hat nicht ein Buch geschrieben, sondern mindestens drei Bücher, die den gleichen Titel tragen. […] Ein Kernsatz des Buches lautet: „Das Muster des generativen Verhaltens in Deutschland seit Mitte der sechziger Jahre ist nicht nur keine Darwinsche, natürliche Zuchtwahl im Sinne von ‚survival of the fittest‘, sondern eine kulturell bedingte, vom Menschen selbst gesteuerte negative Selektion, die den einzigen nachwachsenden Rohstoff, den Deutschland hat, nämlich Intelligenz, relativ und absolut in hohem Tempo vermindert.“ […] Das sind unerhörte Sätze. Und Sarrazin weiß das. Es ist schlichtweg unseriös, wie fahrlässig er mit seinen Quellen umgeht.
Original
http://www.fixmbr.de/rassismus-bleibt-rassismus-eine-replik/
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