Rassismus in Deutschland : Beitrag I

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Der Begriff „Rassismus“ wird in der Bundesrepublik Deutschland immer noch relativ selten benutzt. Häufiger hingegen hören und lesen wir von „Ausländerfeindlichkeit“ oder „Fremdenfeindlichkeit“. Auch die Ermordung von Migranten und Anschläge auf Unterkünfte von Asylbewerberinnen und -bewerbern sowie auf Wohnhäuser von Migrantinnen und Migranten, die vor allem Anfang der 1990er Jahre Schlagzeilen machten, wurden in der öffentlichen Debatte als ausländer- oder fremdenfeindliche Übergriffe und Anschläge bezeichnet.
Die Abwehr des Rassismusbegriffs ist, so u. a. der Rassismusforscher Robert Miles (1998), auf die semantische Nähe zur Rassenideologie des Nationalsozialismus zurückzuführen, von der sich die bundesdeutsche Gesellschaft (Bürgerinnen und Bürger, Medien, Politik …) mehrheitlich distanziert und deren ideologische „Spätfolgen“ geleugnet und zurückgewiesen werden: Eine Rassenideologie gebe es in der Bundesrepublik nicht, der Nationalsozialismus habe mit dem demokratisch verfassten und legitimierten Deutschland nichts gemein.
Dennoch wird nicht geleugnet, dass es diskriminierende Äußerungen und Handlungen gibt, die vor allem Flüchtlinge und Asylsuchende treffen, die offensichtlich „fremd“ aussehen und dementsprechend als „Ausländer“ oder „Fremde“ tituliert werden. Der Hass gegen diese Menschen wird als Ausländer- oder Fremdenfeindlichkeit bezeichnet. Dabei wird übersehen, dass nicht alle Betroffenen Ausländerinnen und Ausländer oder Fremde sind: Weiße Amerikanerinnen sind in Deutschland nicht von „Ausländerfeindlichkeit“ betroffen, während Schwarze Deutsche keine Ausländer sind, sehr wohl aber von rassistisch motivierter Gewalt betroffen sein können.
Auch der Begriff „Fremdenfeindlichkeit“ ist problematisch, weil er den potenziellen Opfern Fremdheit unterstellt, auf die die Mehrheitsangehörigen, die Nicht-Fremden, mit einer vermeintlich natürlichen Feindlichkeit reagieren, die anthropologisiert und damit implizit legitimiert wird. Sie gilt somit als „inhuman, aber als menschlich verständlich“. (Kampmann 1995, 261, Fußnote 2)
Der Erziehungswissenschaftler Albert Scherr (2003) weist darauf hin, dass in Bezug auf die Ausländerpolitik der Bundesrepublik von einer „ausländerfeindlichen“ Politik gesprochen werden müsse, weil sich die gesetzlich-administrativen Maßnahmen tatsächlich gegen Ausländerinnen und Ausländer (z. B. Asylsuchende) richteten.
Ein weiterer Begriff, der in der Auseinandersetzung mit rassistisch motivierter Gewalt zu Beginn der 1990er Jahre und in den Jahren 2001 und 2002 häufig verwendet wurde, war der des Rechtsextremismus, der insofern von Interesse war und immer noch ist, als damit die Verantwortlichen für die Übergriffe benannt waren: Menschen, vor allem junge Männer, aus der rechtsextremen Szene. Diese Begrifflichkeit wird sowohl in der Politik als auch in den Medien und der breiten Öffentlichkeit verwendet, aber sie ist insofern problematisch, als sie vom Rassismus als Phänomen der gesellschaftlichen Mitte ablenkt.
Zur Begründung der exzessiven Gewalt rechtsextremer junger Männer wurde in den 1990er Jahren vor allem die Individualisierungsthese, wie sie der Erziehungswissenschaftler Wilhelm Heitmeyer in Bezug auf rechtsextreme und gewaltbereite Jugendliche interpretiert, populär.

Mittlerweile wird diese Position jedoch von Politikwissenschaftlern wie Armin Pfahl-Traughber (2004) oder Christoph Butterwegge (2002) kritisiert, weil sie vor allem arbeitslose junge Männer aus dem Osten ins Visier nehme und zahlreiche Studien belegten, dass nicht (nur) arbeitslose Jugendliche anfällig sind für rassistisch motivierte Gewalt.
Eine Studie des Kölner Kriminologen Frank Neubacher, die sich auf die Auswertung einschlägiger Urteile bezog und Daten aus den Jahren 1990 bis 1994 untersuchte, stellt einen besonders hohen Anteil von Taten in den östlichen Bundesländern fest, die fast ausschließlich von Männern begangen worden waren. Der Politologe Pfahl-Traughber verweist auf

Unabhängig von seriösen Untersuchungen bezüglich rassistischer und/oder
rechtsextremer Täterinnen und Täter zeigen die Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen im August 1992, dass zumindest der Rassismus in der Bundesrepublik kein Phänomen von desintegrierten, arbeitslosen jungen Männern ist. Die Brandsätze wurden zwar überwiegend von jungen Männern gegen die Unterkünfte der Asylbewerberinnen und -bewerber geworfen, aber die Bilder aus Rostock waren nicht nur deswegen so beklemmend, weil einzelne Täter Asylbewerberinnen und -bewerber brutal attackierten, sondern auch, weil eine größere Menge schaulustiger Menschen „aus der Mitte der Gesellschaft“ den Täterinnen und Tätern Beifall zollten.


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